Foodsharing als Krisenvorsorge

Foodsharing ist ein Begriff den Ihr ruhig mal googeln könnt. Dabei dreht es sich um Lebensmittel die weggeworfen werden würden, wenn sie nicht kostenfrei abgeholt werden. Eine Freundin macht schon länger mit beim Foodsharing und hat für sich und ihre Familie einen kleinen Krisenvorrat aus dem Überfluss unserer Gesellschaft angelegt. Foodsharing als Krisenvorsorge. Heute spreche ich mit Bianca aus dem Rheinland.

1. Hallo Bianca, stell Dich und deine Familie doch mal ganz kurz vor.

● Sehr gerne. Ich bin 33 Jahre alt und lebe mit meinem Freund Björn, unseren drei Kindern (15 Jahre, 10 Jahre und 2 Jahre) und unserem Hund Mucki zusammen im Rhein-Sieg-Kreis.

2. Wie kamst du zum Foodsharing?

●Durch eine ganz tolle Rezeptgruppe bei Facebook in der es um das “Einkochen wie zu Omas Zeiten” geht. Dort sah ich immer mal Beiträge mit total vielen Lebensmitteln vom Foodsharing und wie diese verwertet bzw. haltbar gemacht wurden. Das hat mich neugierig gemacht was dieses “Foodsharing/ Foodsaving” überhaupt ist und ich machte mich im Internet schlau darüber, ich hatte zuvor noch nie davon gehört, dass es sowas überhaupt gibt.

3. Ist das Verfahren kompliziert an die Lebensmittel zu kommen? Wie läuft das genau ab, muss man sich da anmelden?

● Das ist total einfach an die Lebensmittel zu kommen. Im Internet erfuhr ich, dass es bei Facebook eine Hauptgruppe hierfür gibt. Dort wird man dann an die Gruppe passend zu dem Wohnort weitergeleitet. In der Gruppe wird oft schon einiges an Lebensmitteln geteilt, ich bin durch so einen Aufruf dann an meine jetzige Kontaktperson gekommen. Sie ist eingetragene Lebensmittelretterin (hierfür kann man sich auf der Hauptseite bei Foodsharing anmelden) und fährt neben ihrem Vollzeitberuf noch etliche Märkte an, oft sogar mehrmals täglich, um die Lebensmittel abzuholen und danach von zu Hause aus an uns zu verteilen. Meine Verteilerin ist eine ganz wunderbare Frau die sich immer sehr viel Arbeit macht um uns viele tolle Lebensmittel zu retten. Das ist nicht immer einfach denn sie opfert ihre Zeit und auch ihr Geld wegen der vielen Fahrten.

4. Was bekommt Ihr so beim Foodsharing? Eher frische Produkte wie Gemüse oder eher verpackte und haltbare Lebensmittel?

●Das mag jetzt wahrscheinlich merkwürdig klingen aber was wir dort alles bekommen hätte ich mir im Leben nicht erträumen lassen. Wir bekommen dort wirklich alles. Ich habe von dort aus schon meine ganze Familie (Eltern, Großeltern) einige Wochen lang mit Wasserkästen versorgen können, und das war kein günstiges Wasser vom Discounter, sondern eine etwas gehobenere Marke. Hochwertige Bio Limonade die mich im Handel ca 35€ pro Kiste gekostet hätte, Fleisch aus der Fleischtheke, alles mögliche an Kühlprodukten, Joghurt, Milch, 5 Liter Kanister Bio-Olivenöl, oft auch Gastronomie Lebensmittel also alles in größeren Mengen. Zum Beispiel gibt es dann das Birchermüsli im 5 l Eimer oder den Quark, auch Soßen wie Ketchup und Barbecue Soße gibt es in solchen Massen. Das wird mitgenommen und in der Familie oder unter Freunden aufgeteilt. Manchmal bekommen wir auch Tiefkühlprodukte und Süßigkeiten. Fast immer dabei sind auch Kuchen, sämtliche Backwaren vom Bäcker, und natürlich massenhaft Gemüse und Obst, auch Bio Gemüse und Obst. Konserven und sogar Honig hatte ich auch schon dabei. Es gab auch schonmal Reiniger und Entkalker für Kaffeeautomaten und noch so vieles mehr. Ich bin wirklich immer wieder aufs Neue erstaunt über die Massen, die ursprünglich im Müll gelandet wären.

Tomaten vom Foodsharing_Foodsaving
Tomaten für Sauce – Foodsharing

5. Wir sind ja ein Blog, der sich mit Krisenvorsorge in der Stadt befasst. Von den frischen Lebensmitteln kann man viel einkochen. Was bekommst du denn an verwertbarem Gemüse und was machst du daraus?

● Ich habe mich vor dem Foodsaving eine Zeit lang intensivst durch diese Einkochgruppe bei Facebook gearbeitet und dort wirklich sehr vieles lernen dürfen. So weiß ich zum Beispiel auf was ich achten muss. Was kann ich einkochen und was nicht. Vieles koche ich im fertigen Gericht ein. Vor ein paar Tagen noch habe ich Ratatouille und Tomatensoße eingekocht, Suppen sind auch immer toll. Besonders beliebt bei uns sind die Kuchen in Gläsern. Oder ich koche das Gemüse einzeln ein, Kartoffeln, Bohnen, auch Obst. Sehr lecker sind ebenfalls eingelegte Radieschen und Gurken. Letztens habe ich 11 kg Erdbeeren mitgenommen, man muss natürlich immer aussortieren da auch ein paar schlechte Früchte mit dabei liegen können, das ist ja normal. Nach dem sortieren und schnippeln und nachdem die Kinder mir gefühlte 5 Schüsseln Erdbeeren zwischendurch weggenascht haben, hatte ich dann noch ca 8 kg Erdbeeren über, die ich zu leckerer Marmelade verarbeitet habe. Davon wird auch fleißig an Freunde und Familie verteilt. Ich finde sowas ist auch immer mal ein nettes Mitbringsel wenn man mal zu Besuch irgendwo ist. Auch hatte ich mehrere Kisten Tomaten mitgenommen und davon einen Vorrat an Soße eingekocht.

Einkochen aus dem Foodsharing
Tomatensauce und Co_Foodsharing

6. Kochst du nur ein oder fermentierst du auch?

●Ich fermentiere auch sehr gerne, muss mich da aber noch an einige Rezepte herran tasten, da habe ich leider auch schon viele Misserfolge erleben müssen, das war echt nicht so toll, mich schüttelt es noch bis heute bei dem Gedanken an den Geruch. Sauerkraut, Rotkohl, Rote Beete, Möhren und Porree habe uns bisher aber sehr gut geschmeckt. Da das Fermentieren dank der entstehenden Milchsäurebakterien eine sehr gesunde Alternative zum Einkochen ist möchte ich da auch noch weiter dran bleiben, austesten und dazu lernen. Ich weiß jetzt wenigstens schonmal, was man nicht machen sollte.

7. Wie lange ist zum Beispiel selbst eingekochte Tomatensauce haltbar? Wie lange ist selbst hergestellte Marmelade haltbar?

● Mmh, das ist eine gute Frage. Also es gibt Sachen, die sich nicht so lange halten. Ich koche auch immer Rinderbrühe ein, die soll wohl nicht länger als 6 Monate stehen bleiben wurde mir gesagt. Grundsätzlich gilt bei jedem Glas das man öffnet immer auf das “Ploppen” (wenn es nicht ploppt war kein Vakum vorhanden, kein Vakum keine Haltbarkeit), Geruchs- und Geschmackssinn zu achten. Tomatensoße hält mindestens ein Jahr, kann ich aber noch nicht aus eigener Erfahrung sagen, so lange bleibt hier kein Glas stehen. Marmelade wird zwar nicht eingekocht hält aber durch den hohen Zuckeranteil ewig. Das meiste von den eingekochten Lebensmitteln hält eigentlich ewig, verliert nur nach einiger Zeit den Geschmack. Außer bei Gerichten mit Fleisch, da wäre ich dann doch etwas vorsichtiger.

Marmelade vom Foodsharing
Marmelade vom Foodsharing

8. Habt Ihr auch einen Dörrautomaten und für was benutzt Ihr ihn?

● Oh ja, haben wir auch, den nutze ich besonders gerne. Ich mache darin z. B. Fruchtleder. Dafür werden Früchte zusammen püriert, die Masse wird auf ein Blech gestrichen und gedörrt. Schmeckt viel besser als Gummibärchen. Und natürlich Trockenfleisch, ein tolles Wegproviant für lange Wanderungen. Pilze dörre ich ebenfalls, getrocknet und später in eine Soße gegeben hat man eine wahnsinnig leckere Pilssoße. Durch das Dörrgerät haben wir auch immer eine gesunde Alternative zu dem herkömmlichen Brühepulver aus dem Supermarkt, ohne irgendwelche unnötigen und ungesunden Zusätze. Übrigens kann man auch ohne Dörrgerät eine tolle und ebenfalls lange haltbare Alternative zu diesem Pulver herstellen. Man püriert einfach das gewünschte Gemüse und gibt pro 100g Gemüse 12g Salz hinzu. Diese Paste füllt man in saubere Gläser oder Behälter ab, sollte jedoch im Kühlschrank gelagert werden und hält sich dort ungefähr 1 Jahr. Einige Kräuter trockne ich auch im Dörrgerät, oft habe ich einfach nicht den Platz alles zum trocken aufzuhängen und so sind die Küchenkräuter zum Beispiel schnell in Gläsern verstaut.

9. Wenn du mal so überlegst, wie ist die Gewichtung wenn du kochst, wie viel von dem was du auf den Teller legst ist aus deiner eigenen Produktion/Foodsharing und wieviel kaufst du noch hinzu?

●Ich bin immer sehr schlecht in prozentualen Einschätzungen, ich frage mal Björn. Er sagt “So ein gutes 50/50 Verhältnis”. Hier kommt es natürlich darauf an, wie das jeweilige Erntejahr lief und wie oft ich es schaffe zum Foodsharing zu gehen. Manchmal kaufe ich etwas mehr ein und manchmal muss ich fast gar keine Lebensmittel dazu kaufen. Da wir derzeit versuchen unseren Fleischkonsum zu minimieren und unser Essverhalten wirklich bewusster nach dem zu richten, was wir zur Verfügung haben anstatt nach dem, worauf wir Lust haben, erhoffe ich mir hier eine noch größere Reduktion des “Dazukaufens”. So lebt es sich einfach viel leichter und natürlich auch gesünder.

Eingemachtes aus Garten und Foodsharing
Eingemachtes aus Garten und Foodsharing

10. Du pflanzt auch noch selber viel an in deinem Garten. Was wirst du dieses Jahr alles ernten und verarbeiten?

●Leider ist mir dieses Jahr meine Tomatenernte fast komplett ausgefallen, da war ich schon sehr traurig aber so ist das manchmal. Das habe ich dann durch das Foodsharing wieder ausgeglichen indem ich die Tomatenkisten von dort mitgenommen habe und diese zu purer Tomatensoße verarbeitet habe. Kräuter ernte ich viele, vor allem auch Heilkräuter für die Erkältungszeit oder zum Räuchern und für Salben. Auf die verschiedenen Kohlsorten freue ich mich auch schon, der wird zum Teil fermentiert und eingekocht. Paprika, Peperoni und Habaneros, verschiedene Bohnen, Zucchini habe ich schon einiges eingemacht, Mais wird geputzt und eingefroren, verschiedene Rüben, Wurzelgemüse, Auberginen, Zwiebeln und Knoblauch, einiges an Obst, Nüsse, Kürbis, Kartoffeln, Gurken, Melonen hatte ich auch gepflanzt aber auch hier wird dieses Jahr die Ernte ausfallen. Dazu habe ich dieses Jahr Physalis ausprobiert, mal schauen, ob es was wird. Also schon eine bunte Mischung, mit der man sich einiges an Vorrat anlegen kann.

Eigene Ernte neben dem Foodsharing
Eigene Ernte neben dem Foodsharing

11. War es für dich eine bewusste Entscheidung euch einen Krisenvorrat anzulegen und euch zum Teil selbst zu versorgen oder seid Ihr da so reingeschlittert, weil Ihr nichts wegwerfen wolltet?

● Das war eine bewusste Entscheidung. Zum einen um einen Krisenvorrat selber anzulegen mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, was ich nur jedem nahelegen kann, und zum anderen bin ich der Meinung das ich als Mutter bzw. wir als Eltern unseren Kindern einen gewissen Lebensstandard mit auf den Weg geben müssen. In der heutigen Zeit ist es für alle Selbstverständlich geworden, dass Nahrung immer und überall vorhanden ist. Aber das ist es nicht. Es ist nicht selbstverständlich. Wir leben in so einem unvorstellbaren Überfluss, dass wir sogar Lebensmittel wegschmeißen und das in Massen, die einfach nicht mehr vertretbar sind, wir reden hier ja nicht von ein paar Salatköpfen, die eingegangen sind, wir reden hier von über 18 Millionen Tonnen pro Jahr in Deutschland. Von der Bodenbelastung dieser Massenlandwirtschaft fangen ich jetzt mal garnicht erst an. Ich finde diese Art der heutigen Einstellung ganz schlimm. Es wissen nur noch die wenigsten wie viel harte Arbeit eigentlich hinter dieser “Beschaffung” der Lebensmittel steckt, wie viel Freude zeitgleich damit einher geht. Wenn das Beet fertig angelegt ist, die ersten Pflänzchen aus der Erde herausragen und sich der Sonne entgegen strecken, man beim wachsen und gedeihen zuschauen kann und sich schon auf die Ernte freut und nicht zuletzt das Verarbeiten der Lebensmittel. Das ist ein ganz anderes Lebensgefühl. Natürlich hat auch nicht jeder die Möglichkeit hierzu und auch ich kann uns mit unserem Garten noch nicht ausreichend selbst versorgen. Da hilf das Foodsaving dann echt ungemein.

12. Danke für die geduldige Beantwortung meiner ganzen Fragen. Viel Spaß beim weiteren Ernten, Foodsharing und Verarbeiten. Nachhaltigkeit rockt!

Bildquellen

  • Foodsharing_Erdbeermarmelade: Bildrechte beim Autor